Kriegs und Nachkriegsgeschehen in unserer Gemeinde

Kriegs- und Nachkriegsgeschehen in unserer Gemeinde

von Guido Müller

1938

In aller Eile begann man mit dem Westwallbau. Der schon in den zwanziger Jahren errichteten Maginotlinie auf französischer Seite sollte ein modernes deutsches Bunkerwerk trotzen.

Baufachleute und Hilfskräfte wurden von überall her an die Westgrenze Deutschlands gezogen. Es wurde Tag und Nacht gearbeitet. Schulsäle und Gastwirtschaften wurden requiriert, um die Arbeiter unterzubringen. Dazu wurde in Sandweier auch noch Militär einquartiert. Die 18ner aus Stuttgart und die 71ger aus Heilbronn sollten die Westwallbauten mit den militärischen Notwendigkeiten ausstatten.

Sowohl bei den Franzosen, wie auch bei uns, sollten die Bunkerwerke unbedingte Sicherheit bieten, aber alles hat sich als zwecklos erwiesen.

1939

Am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg. Von einem Tag auf den anderen wurden Bürger zu Soldaten. Etwa 400 Stellungsbefehle kamen innerhalb 3 Tagen in unsere Gemeinde.

Die älteren Bürger wurden evakuiert. Bis hinein ins Württembergische wurden sie ausquartiert, konnten aber im gleichen Jahr wieder zurückkehren, weil sich außer dem Bau des Westwalls am Oberrhein kriegerisch nicht viel tat.

1940

Am 1. März 1940 ist der hiesige Bürger Richard Schindler im Konzentrationslager Mauthausen an einem „Hirnschlag“ gestorben. Im April wurde die Bürgerschaft ein zweites Mal evakuiert, diesmal in die Gemeinden des vorderen Murgtals Ebersteinburg, Oberweier, Bischweier, Michelbach, Selbach, Sulzbach. Der Angriff gegen Frankreich nimmt nun auch am Oberrhein seinen Anfang. Das Dorf wurde im Mai mehrmals von französischer Artillerie beschossen.

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Granateneinschlag in der Römerstr 25a – Mai 1940 –

Die Granateinschläge waren meist in der Dorfmitte und im Südwesten. Die Gemeinde hatte 2 Tote zu beklagen: Frau Justine Manz in der damaligen Garten- und jetzt Nelkenstraße und Frau Viktoria Bastian geh. Bleich in der Mühlstraße. Letztere war während des Beschusses im Krautgarten tätig, als sie von einem Granatsplitter getroffen wurde. Sie starb im Krankenhaus Baden-Baden.

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Granateneinschlag in der Seilerstr. (Heute Hanfstr. 8 ) Mai 1940

Neben den Toten gab es beträchtliche Gebäudeschäden. Auch die Kirche und das Rathaus wurden getroffen.

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Granateneinschlag in der Gartenstr. (Heute Nelkenstr. 11) Mai 1940

In den Jahren 1944 und 1945 hatte unsere Bevölkerung schwer unter den „Jabos“ = Jagdbombern zu leiden. Die Überraschungsangriffe gegen Menschen, auf dem Feld oder auf der Straße waren sehr hart und von qualvoller Angst begleitet.
Die Menschen suchten irgendwo oder irgendwie Schutz und flüchteten unter Bäume, in Erdäpfeläcker, Getreide und Maisfelder, um sich vor den bei Tag und Nacht anstürmenden „Jabos“ zu retten. Kaum waren sie aus den Augen, kam schon wieder ein neues Rudel angebraust, so daß Menschen und Tiere ständig unter drohender Gefahr und Angst litten. Man wollte uns einfach mürbe machen!

1945

Mancher Leser dieser Zeilen wird sich zurückerinnern und Überlegungen anstellen, wie die Alliierten von Nordfrankreich und Holland her die Offensive gegen uns begannen.
Im Oktober 1944 ist schon Aachen gefallen, im November standen die Amerikaner tief in Lothringen. Im gleichen Monat zogen die Franzosen in Straßburg ein. Die deutsche Ardennen-Gegenoffensive hatte versagt. Mancher Deutsche hat damals schon dunkel gesehen, durfte sich aber nicht äußern, denn im Osten zerbrach ebenfalls die Front.

Schon brachte der Wind den Geschützdonner aus dem Westen. Das Volk wartete und bangte. Im Februar 1945 traten die Alliierten zum letzten großen Sturm an. Trier, Köln und Mainz fielen und in einer Märzwoche flogen die Rheinbrücken in Worms, Mannheim und Karlsruhe in die Luft.
Allein die Brücke in Speyer blieb erhalten und von dort hasteten die Eroberer bei Tag und Nacht über den Rhein, die Nachhut der deutschen Truppen voraus, jeder versuchte sein Leben zu retten und auf die badische Seite zu kommen. Aber auch dort wurden unsere Truppen und die flüchtenden Zivilisten gejagt, ständig unter Artillerie- und Fliegerangriffen stehend und der Feind unmittelbar auf den Fersen.

Die Straßen waren über und über verstopft. Wohin man kam, stauten sich die Massen der Vertriebenen, Flüchtlingen, Kindern und Greisen. Am Straßenrand sah man zerfetzte Menschenleiber, schreiend, jammernde Verwundete, denen niemand helfen konnte, bewegungsunfähige Fahrzeuge, zerstörtes Kriegsmaterial, Frauen mit Kindern, weinend und klagend und dazwischen immer wieder das ununterbrochene Geheul der Jagdbomber, die Flüchtenden ständig voller Angst und Bangen selbst von einem Geschoß getroffen zu werden und dem Tod ins Auge sehen zu müssen. Der Strom der Flüchtenden und unserer Soldaten wälzte sich ins Landesinnere, dem Gebirge und dessen Täler zu, vor allem aber in den mittelbadischen Raum.

Die Meinungen widersprechen sich ob Rastatt am 12. oder 13. April eingenommen wurde. Am Abend vor dem Einmarsch der Franzosen lag die Gemeinde unter Artilleriefeuerbeschuß. Dabei kam eine Ordensschwester ums Leben. Frau Julia Lippert, geb. Müller wurde durch Granatsplitter am Oberschenkel schwer verletzt. Das war eine gefährliche Sache, denn die Schlagader und ein Nerv waren getroffen. Es war kein Arzt zur Verfügung und eine Verbringung ins Krankenhaus unmöglich. Die schwer Getroffene wurde von hilfsbereiten Laien betreut. Ein Notverband mit primitiven Mitteln wurde angelegt, der über die Krise hinweghalf.

Als Soldat bei seiner Einheit ist der Bürger August Kratzer bei Plittersdorf, Rastatt gefallen. Zu dieser Einheit gehörte auch Emil Müller, der beim Rückzug nach Süden bei Lichtenau/Ulm schwer verwundet wurde, daß ein Fuß amputiert werden mußte.

Der tragische Fall kann der des Andreas Peter bezeichnet werden. Die 3 genannten Bürger gehörten einer Einheit an. Andreas Peter kam in Gefangenschaft. Beim Einmarsch der Sieger in Rastatt wurden von einem Privathaus Schüsse abgegeben. Diese Schüsse mußten unmenschlich bezahlt werden.

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