Nov 7 1985

Erinnerung an die Auswanderung nach Ebersteinburg im Jahre 1940

Gedicht:

Erinnerung an die Auswanderung nach Ebersteinburg im Jahre 1940

Man meint es sei erst gestern gewesen
dabei sinds fünfundvierzig Jahr
als überm Rhein dort die Franzosen
das Dorf beschossen hab’n, für wahr.

Ganz dumpf der Abschuß, dann das „Zischen“
gehts drüber weg, wo schlägt es ein?
Mir steckt das heut noch in den Knochen,
wo wird der nächste Einschlag sein?

Ein Trichter, oder Granatenloch
ein Krach – ein Dreck – Sirenen – G’schrei
wir rannten in die Luftschutzkeller
wie d’Mäus – grad in die Falle nei.

Ja, kann man’s wissen, ob dann hernach
wenn die Entwarnung ist zu hören,
wir können aus dem Keller ‚raus
oder müssen gar drin sterben?

Schrecklich war’s, man war schon drauf gedrillt,
ob in der Schul‘, ob auf dem Feld,
ob du grad warst auf jenem Örtchen,
auf einmal hat d’Siren gebrüllt.

In der Schulzeit wars ä Gaudi,
der Unterricht fiel dadurch aus,
aber zugleich hat man gezittert
um die Lieben an der Front und z’Haus.

Und z’Nacht, kaum recht eingeschlafen
aus wars mit der verdienten Ruh,
aufstehn – anziehn – so ganz im Dunkeln –
kein Lichtstrahl durft nach draußen gehn.

Die Bomber schwer – wie Donnergrollen –
ganz dumpf und furchtsam wie die Nacht
man fror am ganzen Leib vor Schrecken –
selbst Kinder sind vom Schlaf erwacht.

Und eines Morgens war gewesen,
die Nacht schrecklich und ohne Schlaf –
wir mußten unser Dorf verlassen –
da half kein Weh und auch kein Ach –

Elf Lenze zählte erst mein Leben –
voll Kindheit noch und Träumerei –
da zogen wir mit „Sieben Sachen
für jeden s’Nötigste“ dabei.

Das Allernötigste? Wenn keiner weiß
ob, wann und wie er kann zurück-
für Mensch und Vieh noch mitzuschleppen –
das war ein echtes Meisterstück.

Sandweier teilte man in Gruppen
der „Zufluchtsort wur gleich genannt
Ebersteinburg mit der Ruine
war uns’rer Gruppe längst bekannt

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Schüler aus Sandweier und Ebersteinburg mit Lehrer vor der Schule in Ebersteinburg

Die Kühe zogen schwer den Wagen-
bergauf ein ungewohnter Pfad
und über uns der Wolken Schwaden
durchzog der Bomber Krieges Saat

Wir wurden freundlich aufgenommen-
manch Freundschaft besteht noch heut –
doch viele Tränen sind geflossen
wenn schlimme Nachricht uns erreicht.

Am Morgen: Ein Stück Brot und Milch dazu
wars Frühstück frischweg von der Kuh,
dann die Bücher unterm Arm geklemmt
und ab im Trab zur Schul gerennt.

Gar manchmal standen wir dort oben
und der Blick galt unserm Ort.
Schon wieder schossen die Franzosen
und hinterließen Spuren dort.

Wird unser Häus’chen denn noch stehen
wenn der Kanonen Wut verrint –
wird uns’re Turmuhr dann noch gehen?
All das bedenkt man auch als Kind.

Solang du Vater und die Mutter hast
geht es dir trotzdem noch ganz gut.
Und hättest du auch nur einen „Ast“
auf dem dein müdes Haubt kann ruh´n.

Und eines Tages hieß es nur:
wir dürfen alle wieder heim –
Juchhei, Juchhei – ade – du „Burg“!
Doch wann wird endlich Fride sein?

7. Nov. 1985
© Margarete Nezbeda geb. Herr

(Quelle: Jahresrückblick Sandweier 1985)


Dez 30 1984

Sondwiermer Kunkelschdubb

Gedicht:

Sondwiermer Kunkelschdubb

J, d’r Wind pfifft scharf un kalt
vun d’r Sondbach ra, ibber d’r Ebberwald
hielt um d’Sondgrieb rum dert obbe
dut issig ibber d’Felder dobe.
S’Muuliecht wirft sei heller Schei
ibber d’Decher weg in d’Holzschöpf nei,
ibberall leit Schnää un Schnää
des isch die Zitt zum Kunkelschdubb gäh.
Schatz, du mu-esch dei Schdrickzeig hebe
daß uusrutsch, will i nit erläbe,
wenn d’Kelt so bißt on d’Ohre
isch bis morn d’Oosbach zugfrore.

Jetzt abber schnell ins Nochbers ning
mir wärre wohl schu d’Letschte sin,
drin häärt mer schu schwätze, lache
un d’Ongenäs dut uns Dier ufmache.
Gude Nobet in d’r Schdubb do drin
d’r Vadder schdellt schnell s’Schbinnrad hin
sing Doochter muß hit emsig schbinne
für d’Uusschdier brucht se noch viel Linne.
D’Monnslitt om Disch bim Erdölliecht
vernäbble mit ihrem Rauch die Siecht.
Säll Bänkl om warme Offe dort
isch für d’Alte dar beschde Ort.

Wenns junge Volk dut babble, lärme
will s’Alter sich dar Buckl wärme,
drickt sich on d’Kachle no
wungert sich ibber d’neie Zeit
un denkt wehmiedi on d’Vergongehait.

Was ware des für schene Schdunde
wämmer sich so het z’somme gfunde,
frischs Brot un Schnitz komer esse
d’r Erdepfler abber nit vergässe.
Schtill ihr Monnslitt un ihr Maidle
häre uf mit eirem Noodle
d-Großl legt au s’Schdrickzeig fort
un des beditt: >Sie hets Wort<!
Ja im Verzehle ischse Maischder
do härsch vun Häxe, bäse Gaischder,
wie d’arme Selle umgiehn fir d’Sinde,
weil se noch kei Erlösung finde.

Wenn schbuckt mu-esch glich drei Kritzer schlaa
s’Dreifaltigkaits Gebätt härsaa.
Nimm di in aacht vorm wilde Heer
wens kommt, dann (norr) schnell umkehr.
Bring d’Rothuskarline nit in wu-et
die büeßt noch schwer für d’Schepflöffel ungerem Hu-et.
Wär härt nit mit Bewunderung
vum Ebersteiner Grafensprung
un vum Schlössl mit dänne Luschtbarkaite
un rätselhafte Bueßerzeite.
Wenn um die Gräfin geht s’Geraune
ischs Miesl schtill, oodächtigs Schdaune.

D’Großmueder horcht!
Sie härt in letschder Zeit
gonz dittli wis Dodevegele schreit.
S’wird verzehlt vun d’r finschdere Kommer im Jngerwald,
un vun d’r Schingerhitt un vum verwunschene Schlaa im Ebberwald,
vun d’r Uchtwaid, vuns Schäferkals Schlaa,
komm nit in d’r Schlu-ed, do sinksch na,
un vun d’r Quell, do koonsch senkrächt än Wissbaam ning schdelle.
Au vun d’r Sondführerei,
do war ihr Schatz dabei,
un wu er gedient het als Soldat
z’Raschdi in d’r Feschdungsschdadt.

Wie schie war widder des Kunkelschdubb gieh,
jetzt kommt d’r Heimwää in Kält un Schnää,
mir gruselts noch, es fählt nit viel
norr sieh i d’Häx ufm Bässeschdiel.
Horch! d’r erschte Gockler schreit
do isch dar Morie nimme weit.
Hoppla, do lei i, heb mit uff
un dabb nit uff sällen Balke druff.
Oh je, s’Hofderle isch usgerenkt
uffs Dach vum Sauschdall hänses g’hängt.
Wer het au die Bosse wider gmacht?
Ums Eck rum hets jetzt gwischbert un glacht.
Laß dänne Kerl on dem Schbass ihre Fraid
soll nä gedenke die Kunkelschdubb Zeit.

Erläuterung:

Kunkelschdubb =Kunkelstube, auch Spinnstube genannt. Kunkel ist das Fasergut am Spinnrad.

© Hermann Blank Februar 1984

(Quelle: Jahresrückblick Sandweier 1984)